Gesellschaftliche Reife und Philosophie(4)

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Unsere Kollegen vom Fachbereich Philosophie der KS Alpenquai in Luzern stellen hier das Werk eines jeden Philosophielehrers vor und konzentrieren sich dabei auf die von Professor Franz Eberle erwähnte gesellschaftliche Reife.

 

Sie ist überall. Doch niemand spricht über sie (4).

Was ist die sogenannte «vertiefte Gesellschaftsreife» und wie lässt sie sich am Gymnasium erreichen?

 

Unter «vertiefter Gesellschaftsreife» wird jene persönliche Reife verstanden, die der Vorbereitung auf anspruchsvolle Aufgaben in der Gesellschaft dient (MAR Art. 5). Es handelt sich dabei um eine Haltung des Individuums, die im Rahmen einer Gemeinschaft erworben und eingeübt wird. Für diese Gemeinschaft sind die Orientierung an den Wissenschaften (an ihren Methoden und Erkenntnissen), die Praxis des rationalen Diskurses und die Prinzipien des liberalen Rechtsstaats grundlegend. In den entsprechenden Werten und Regeln besteht somit die oberste normative Basis der gymnasialen Bildung. Sie lassen sich in vier Dimensionen entfalten:

Streben nach Wahrheit

  1. Die Schülerinnen und Schüler verstehen den Unterschied zwischen fundiertem (vertief- tem) und nicht fundiertem (oberflächlichem) Wissen.

 

  1. Sie verstehen, dass es auf der Basis von fundiertem Wissen möglich ist, Fakten von blos- sen Meinungen zu unterscheiden.

 

  1. Sie verstehen, dass es auf der Basis von fundiertem Wissen möglich ist, Probleme zu erkennen und Lösungen zu erarbeiten – und zwar in jedem Bereich: in der Wissenschaft, bei der Arbeit, bei der Politik oder bei der Gestaltung des eigenen, privaten Lebens.

Wissen und Freiheit

  1. Sie verstehen, dass es auf der Basis von fundiertem Wissen möglich ist, Zensureingriffe zu erkennen – und daher gedanklich und politisch frei zu sein.

 

  1. Sie verstehen, was Denken heisst, h. sie verfügen über ein differenziertes sprachliches, logisches und methodologisches Bewusstsein, was ihnen u.a. erlaubt, zwischen einem authentischen Gespräch und einer rein rhetorisch-propagandistischen, manipulierenden Kommunikation zu unterscheiden.

 

  1. Sie verstehen, dass sie zeitliche Geschöpfe sind, h. sie verfügen über ein differenziertes historisches Bewusstsein (auch im Bereich der Geschichte der Ideen) – was ihnen u.a. erlaubt, sich aus den unsichtbaren Fesseln der Vergangenheit und der Gegenwart zu be- freien und neue Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln.

Achtung der Anderen

  1. Sie verstehen, dass das Erarbeiten fundierten Wissens sowohl ein individueller als auch ein sozialer Prozess ist und haben daher nicht nur die Fähigkeit, sondern auch den Mut und die Bereitschaft, einen kritischen, zugleich aber auch offenen und wohlwollenden Di- alog mit anderen

  1. Sie verstehen, dass auf der Basis der Wahrheitsliebe nur eine Haltung, welche die Per- spektiven und Interessen der Anderen berücksichtigt, vertretbar

 

  1. Sie verstehen, dass sich daraus ethische und politische Konsequenzen ergeben und sind bereit, ihr Handeln danach

 

Imaginationskraft und Hoffnung

  1. Sie verstehen, dass nicht alle wichtigen Fragen wissenschaftlicher, technischer, politi- scher oder moralischer Art sind; daher bemühen sie sich auch um eine Verfeinerung ihrer ästhetischen Sensibilität und ihrer Imaginationskraft.

 

  1. Sie verstehen, dass es wertvoll ist, das Faktische immer wieder zu transzendieren und das eigene Lebenskonzept in Frage stellen zu lassen.

Diese Entfaltung der vertieften Gesellschaftsreife ist tief verwurzelt in jener humanistischen Tra- dition, die das Gymnasium seit je geprägt hat. Dennoch ist sie keineswegs selbstverständlich. Alle genannten Hauptdimensionen sind schwer zu erreichen und gegenwärtig auch gefährdet: Das Streben nach Wahrheit und Freiheit durch interessegeleitete Manipulation einerseits und übertriebene Wissenschaftsskepsis andererseits, die Achtung der Anderen durch Chauvinismus, Egoismus und ökonomische Praktiken, welche ihre Kosten externalisieren, die Imaginationskraft und Hoffnung durch eine allzu starke ökonomische Funktionalisierung der Bildung, durch kultu- relle Banalisierung und weltanschaulichen Zynismus.

Eine solche Auffassung der vertieften Gesellschaftsreife bewegt sich auf einer hohen Abstrakti- onsebene. Dies hat den Vorteil, dass sie auf unterschiedliche historische Situationen anwendbar ist und die Kontinuität grundlegender Werte sichtbar macht. Der Nachteil dieses stark formal ori- entierten Verständnisses von vertiefter Gesellschaftsreife besteht darin, dass inhaltliche Dring- lichkeiten der jeweiligen Zeit weniger in den Blick kommen.

Aus diesem Grund soll im Folgenden der aktuelle Kontext, in dem sich die vertiefte Gesellschafts- reife in den dargelegten Dimensionen realisieren soll, beleuchtet werden.

Globalisierung

Mit der technischen Entwicklung, insbesondere im Transportwesen und im Informationsaus- tausch, sind Wirtschaft, Politik und Kultur zunehmend international verflochten, der ganze Planet ist zum Handlungsfeld geworden. Hinsichtlich der vertieften Gesellschaftsreife am Gymnasium bedeutet dies, dass Einflüsse und Handlungsfolgen vermehrt in einem globalen Kontext themati- siert werden müssen. Das muss Auswirkungen haben auf die Lehrplaninhalte aller Fächer. Neben naturwissenschaftlichen, ökologischen und politisch-ökonomischen Fragen, die auf der Hand lie- gen, ist in diesem Zusammenhang in den geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern zu klä- ren, in welchem Verhältnis die Auseinandersetzung mit heimischer Kultur und Geschichte mit der Auseinandersetzung mit Geschichte und Kultur entfernter Weltgegenden stehen soll.

Digitalisierung und Konnektivität

Noch vor wenigen Jahrzehnten war die Informationsgewinnung, -verarbeitung und -weitergabe im Bildungswesen weitgehend strukturiert durch definierte Lehrmittel und wissenschaftliche Bib- liotheken, die eine Selektionsfunktion ausübten. Mit der ubiquitären Präsenz von Information höchst unterschiedlicher Qualität im weltweiten Netz sind die Anforderungen an die Schülerinnen und Schüler gestiegen, die Qualität von Informationen kompetent zu beurteilen. Ebenso eröffnet die Digitalisierung Zusammenarbeitsmöglichkeiten auch über weite Distanzen, die früher so nicht realisierbar waren. Gleichzeitig ermöglicht sie auch die Manipulation und Kontrolle von Menschen in nie gekanntem Ausmass. Diese Aspekte müssen ihren Niederschlag in den Lehrplänen finden.

Im Hinblick auf eine vertiefte Gesellschaftsreife ist die Schulung im qualitativen Beurteilen von Informationen ebenso unverzichtbar wie Kenntnisse über technische, ökonomische, soziale und rechtliche Hintergründe elektronischer Medien.

Technische Entwicklung und Natur

Die technische Entwicklung erlaubt es heute der Menschheit, viel tiefer in natürliche Prozesse einzugreifen als in früheren Zeiten. Dies ist mit erheblichen Risiken aber auch mit Chancen ver- bunden. Stichworte sind gentechnische Veränderungen von Organismen, Beeinflussung des Kli- mas, Gefahren aus der zivilen und militärischen Nutzung der Atomkraft, neue Formen von Ener- giegewinnung, Modellierung komplexer Prozesse durch Verarbeitung grosser Datenmengen. Für die gymnasiale Bildung bedeutet das eine noch engere Verschränkung von wissenschaftlich- technischen und moralischen Fragen. Diese muss sich in den Fachlehrplänen niederschlagen.

Lehrplanarbeit: Inhaltlich exemplarisch, formal reflexiv

Die Welt verändert sich heute schneller als in früheren Zeiten. Die Schülerinnen und Schüler auf die Zukunft vorzubereiten, kann deshalb nur heissen, sie auf eine im prägnanten Sinn des Wortes

«unbekannte» Zukunft vorzubereiten, d.h. ihnen die Entwicklung von Kompetenzen zu ermögli- chen, die wesentlich und fundamental sind – und deswegen auch «universell» anwendbar. Ein Katalog gesellschaftsrelevanter Themen kann daher nur als offene, veränderbare Liste aufge- fasst werden. Ihre Behandlung kann nur exemplarischen Charakter haben. Um mit raschen Ver- änderungen Schritt halten zu können, sind zudem noch stärker reflexive Kompetenzen nötig. Auf diese ist in den einzelnen Fächern zu achten. Es braucht aber auch eine fachlich elaborierte Form der Reflexion, wie sie die Philosophie in ihren theoretischen (Wissenschaftstheorie und Erkennt- nistheorie) und praktischen (Ethik und politische Philosophie) Disziplinen bietet.

Nachbemerkung zur Dauer der gymnasialen Bildung und zur Altersstufe

Die persönliche Reife, die im Hinblick auf die Übernahme anspruchsvoller Aufgaben gefordert ist, setzt kognitive Leistungen voraus, die von den meisten erst im Erwachsenenalter, also oft nach der Matura erreicht werden können. Die Verknüpfung von technisch-wissenschaftlichen mit mo- ralischen und politischen Fragen in einem kulturell pluralistischen Umfeld fordert eine besondere Fähigkeit zu abstraktem Denken. Es stellt sich die Frage, wie weit diese Form von persönlicher Reife am Gymnasium noch erreicht werden kann. Nicht alle Schülerinnen und Schüler erreichen hier die entsprechende kognitive Reife bzw. ihre neurophysiologischen Voraussetzungen. Der Reifungsprozess müsste also über die Gymnasialzeit hinaus weitergeführt werden. Die Universi- täten sind jedoch zunehmend hoch spezialisierte Ausbildungsinstitutionen. Eine zusammenhän- gende Schau wissenschaftlicher Erkenntnisse ist das Alleinstellungsmerkmal des Gymnasiums. Grundsätzlich lässt sich die Schwierigkeit auf zwei Wegen auflösen. Entweder bieten die Univer- sitäten mehr Allgemeinwissen und führen damit einen bisher dem Gymnasium übertragenen Auf- trag weiter oder die Dauer der gymnasialen Bildung wird wieder verlängert. Letzteres bedeutet nicht zwingend eine Ausdehnung der Gesamtlektionenzahl. Eine ins frühe Erwachsenenalter ver- längerte gymnasiale Bildung bei einer entsprechend reduzierten wöchentlichen Lektionenzahl würde einerseits eine bessere Berücksichtigung der neurophysiologischen Reifung erlauben und andererseits mehr Zeit für die Beschäftigung mit individuellen Interessen bieten.

Luzern, im Februar 2020

 

Kantonsschule Alpenquai Luzern Fachschaft Philosophie

PD Dr. Pierfrancesco Basile Dr. Adrian Häfliger

Dr. Hans Hirschi

Paul Miotti lic. phil., dipl. Inf. Ing. ETH

Dr. Franz Portmann

Kontakt: pierfrancesco.basile@edulu.ch